DER STANDARD, 26. April 2001


Eines der heftigst diskutierten Sachbücher der letzten Jahre: "Vabanque"

"Großteils sind das blutige Anfänger"

Der Bankraub wurde spätestens mit Bonnie & Clyde zum populären Mythos. Mit dem deutschen Kulturwissenschafter Klaus Schönberger sprach Christian Schachinger über dessen Studie "Vabanque. Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte".

Linz/Wien - "Bankraub ist eines der wenigen strafrechtlichen Delikte, das tatsächlich über eine gewisse Popularität verfügen kann." Klaus Schönberger (42), Kulturwissenschafter aus Tübingen, veröffentlichte im Herbst 2000 im Verlag Schwarze Risse, Berlin, mit Vabanque ein Buch, das im gesamten deutschen Sprachraum für Aufregung sorgt. Schließlich zählt der Mythos vom heldenhaften Bankräuber zu einem der zentralen Phänomene der Populärkultur. Filme, Popsongs und literarische Werke erhalten diesen trotz des Voranschreitens der Computerkriminalität weiterhin am Leben.

Klaus Schönberger, der am Wochenende das Buch in einer Multimediaperformance zweimal live in Österreich präsentieren wird, sprach im Vorfeld seiner Bankraub-Tournee mit dem STANDARD.

Schönberger: Die Darstellung in der Popkultur spielt eine enorme Rolle, Filme wie Bonnie & Clyde repräsentieren gesellschaftliche Träume, jene vom Ausbruch, vom Abenteuer - und ganz konkret auch die Tatsache, dass wir alle Geld brauchen. Natürlich kommt der schlechte Ruf von Banken noch dazu.

STANDARD: Untersuchungen über das als ursprüngliche Lebensform erachtete Nomadenwesen behaupten, dass es sich bei Raub sozusagen um einen ,,natürlichen" Drang handeln würde. Ein Beduinensprichwort besagt: Überfälle sind unsere Landwirtschaft.

Schönberger: Das Bedürfnis, nicht selbst produktiv sein zu müssen, ist sicher ein entscheidender Punkt: Rasch an Geld zu kommen, ohne einer "Arbeit" nachgehen zu müssen. Nur: Diese Vorstellung, mit einem einzigen Coup ausgesorgt zu haben, stimmt einfach nicht. Die meisten Leute, die Geldprobleme haben, können diese mit einem Bankraub sicher nicht lösen. Man führe sich nur die lächerlichen Summen vor Augen, die erbeutet werden.

STANDARD: Statistiken sprechen von durchschnittlich 350.000 Schilling. Schwingt da nicht auch wirtschaftliche Verzweiflung bei den Tätern mit?

Schönberger: Die Verklärung des Bankraubs funktioniert nur, weil sie an Reales andocken kann. Das ist nicht nur Fiktion, die uns hier kulturell vermittelt wird. Die Leute sind in Schwierigkeiten. Das Faszinierende an dem Delikt ist ja auch, dass es hier so viele Anfänger gibt, in Österreich sind etwa 80 Prozent Ersttäter. Das hat auf Polizeiseite dazu geführt, dass Mitte der 80er-Jahre die Forschung über Bankraub eingestellt wurde, weil es nicht vorhersehbar ist, wer einen Überfall begeht. Es kann absolut jeder sein. Verzweiflungstäter spielen eine große Rolle oder Beschaffungskriminalität wegen Drogen. Es gibt aber auch Leute, die das aus politischen Gründen machen. In Spanien war während der 70er-Jahre die ganze Linke auf Bankraub-Trip, weil sie ja unter Franco keine Möglichkeit hatte, legal an Geld zu kommen.

STANDARD: Wegen der hohen Aufklärungsrate beinhaltet ein Bankraub nicht nur ein ,,heldenhaftes'', sondern auch ein tragisches Element. Mitleid und Schadenfreude halten sich die Waage, wenn man von missglückten Überfällen liest.

Schönberger: In den Medien wird oft glorifiziert, wenn ein Überfall geklappt hat. Zum anderen gibt es das Bild des dummen Räubers. Da ein Großteil blutige Anfänger sind, führt das zu erheblichen Dummheiten. Wer scheitert, wird dafür abgestraft, dass er kurz über den Tellerrand hinausgeschaut hat. Er soll sich mit dem begnügen, was er hat. Delektieren kann man sich auf jeden Fall.

STANDARD: Was hat sich beim Bankraub im Laufe der Geschichte verändert?

Schönberger: Zum einen sicher die "Mode". Ein Kapitel in meinem Buch titelt "Maskentreiben - eine kleine Trachtenkunde des Bankraubs". Ein weiterer Aufsatz handelt davon, dass jetzt der Bankraub deshalb wissenschaftlich wieder erforscht wird, weil er am Ende ist.

Es heißt, der eigentliche Bankraub würde heute im Computerbereich stattfinden. Das stimmt so und stimmt so nicht. Die großen Summen wurden immer schon woanders gedealt. Wenn man sich den "volkswirtschaftlichen Schaden" vor Augen führt, war Bankraub immer Kleinkram. Er wird nur immer "ideologisch" gedeutet und dementsprechend bestraft.

Wirtschaftlich gesehen sind heute die Computerhacker ungleich relevanter. Beim klassischen Bankraub gibt es weder eine Zu- noch eine Abnahme. Wer mit Computer arbeiten will, braucht ja schon von vornherein Geld, und er benötigt ein überdurchschnittlich hohes Know-how.

STANDARD: Warum gibt es eigentlich mit weit unter fünf Prozent so wenige Frauen "im Geschäft"?

Schönberger: Das ist eine allgemeine soziale Frage, die ich gar nicht weiter kommentieren möchte. Kommen Frauen allerdings ins Spiel, fällt auf, dass die Berichterstattung gern ins Erotische kippt.

STANDARD: In Ihrem Buch wird die Rolle der Opfer kaum beachtet - uninteressant?

Schönberger: Dass Opfer weniger faszinierend sind als Täter, ist klar. Da braucht man nicht herumzureden.

STANDARD: Könnten Sie sich jetzt nach eingehender Vorbereitung vorstellen, einen Bankraub zu empfehlen?

Schönberger: Wenn jemand Tipps braucht, wie man eine Bank ausraubt, sollte er lieber die Finger davon lassen. Ich würde aber auch kein moralisches Urteil abgeben, da es viele illegitime Arten gibt, legal zu Geld zu kommen. Ich betreibe Mythosdekonstruktion. Ich finde allerdings die berühmten Tunnelräuber von Berlin ganz faszinierend. Die haben sich aus der Bank rausgegraben und nicht rein.

Klaus Schönberger liest am 27. 5. in der Linzer Kapu, am 28. 5. im Wiener EKH, jeweils um 21 Uhr.
www.niatu.net/bankraub


DER STANDARD, 26. April 2001
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